FPK Montpellier und Retiro Parkour & Movimento

Zu Beginn dieses Sommers wurde mein Facebook-Feed mit verzweifelten Beiträgen über den Tod von Parkour überschwemmt. Ja, ich scrolle Facebook runter und lese die Beiträge meiner Freunde. Allerdings bleibt es nicht beim beantworten der „Was denkst du heute?“ Frage. Nach der Unterbrechung von Red Bull Art of Motion, der Air WIpp Challenge, 4 the Love of Movement, fühlte es sich für einige von uns in der Gemeinde als ernsthafter Rückschritt in unserer Kultur an.

Luís Parkour Insights: FPK Montpellier and Retiro Parkour

Nach ein paar Jahren, in denen ich weniger Veranstaltungen als sonst besucht hatte, und nach einer schweren Zeit auf persönlicher Ebenene, entschied ich mich, an so vielen Meetings, Jams und Events wie möglich teilzunehmen (FPK Montpellier und Retiro Parkour, ParkourONE Last10 und viele mehr). Es wäre sehr bedauerlich, wieder in das soziale Leben von Parkour zurückzukehren, wenn sich alles zu verlangsamen schien. Ich lag falsch. Wir lagen falsch. Der Sommer 2019 erschien mir als eines der reifsten Jahre für Parkour als Sport und Institution.

Abgesehen von den wenigen Absagen von Grossveranstaltungen fanden Hunderte von lokalen Jams in ganz Europa statt und waren sehr gut besucht. Die Mobilität in der Gemeinde war hervorragend. Grosse und kleine Gruppen von Traceuren bereisten gemeinsam und alleine den alten Kontinent, besuchten neue Communities, neue Spots, machten knallharte Videos und der #parkour auf Instagram war voller Bewegung, Einheit, Entdeckung und Grossartigkeit…

Luís Parkour Insights: FPK Montpellier and Retiro Parkour
Luís Parkour Insights: FPK Montpellier and Retiro Parkour

Ich hatte das Vergnügen, an einer handvoll grossartiger Events teilzunehmen (parkourONE Last 10 Schweiz, FPK Montpellier und Retiro Parkour & Movimento), und ich möchte die Magie von einem von ihnen besonders teilen.

Vor 4 Jahren haben ich und ein anderes Mitglied des Line-Teams (mein erstes Team in Portugal) uns dazu herausgefordert, ein neues Format für Parkour-Jams in Portugal einzuführen. Es ging nicht darum, andere Formate zu konkurrenzieren oder sie zu unterschätzen Wir wollten Werte verbreiten, die wichtige Botschaft zurückbringen, an uns selbst als Menschen arbeiten, die im Parkour praktiziert werden. Unseren Körper, unsere Gemeinschaft und unsere Umgebung respektieren.

Für ein volles Wochenende würden die Teilnehmer ihre Komfortzone und die zeitgenössische Parkour-Stimmung verlassen und sich auf sich selbst konzentrieren. Dazu gehörten das tägliche Aufwachen vor der Sonne, das Üben des Konditionierens, die Methode Naturelle, das Meditieren, das Essen, die Abwesenheit von unseren Telefonen, das Eintauchen in Reden und Gruppengespräche, das Anschauen der “Pilger”-Dokumentation der alten Schule und natürlich das Trainieren von Parkour, sehr viel davon.

Dass der Name “Retiro“ ähnlich ist wie bei den Yoga Retreats, ist ein Zufall. Als es uns in den Sinn kam, schien es einfach die Beschreibung zu sein, die am besten zu der Idee passte.

In den nächsten zwei Ausgaben brachte das Leben Herausforderungen mit sich, die es mir unmöglich machten, Teil des Organisationteams (oder es ist vielleicht besser, wenn wir es einfach Retiro-Familie nennen) zu sein.

Grosse Ziele ziehen grosse Seelen an. Patrick und Guita, lokale Helden im Süden Portugals, schlossen sich der Familie an. Sie nahmen es so ernst und leidenschaftlich, dass das Retiro wuchs, stark und reif wurde. Ich kann eine voreingenommene, aber ehrliche Meinung zum Event geben, und zwar war es das beste Parkour-Wochenende, das ich diesen Sommer besucht habe. In der Tat bin ich kaum auf eine Wand gesprungen oder habe viel weniger trainiert, als ich es normalerweise tue. Trotzdem fühlte ich mich als Traceur und als Mensch, wie ich es seit Jahren nicht mehr getan habe.

Luís Parkour Insights: FPK Montpellier and Retiro Parkour
Luís Parkour Insights: FPK Montpellier and Retiro Parkour ETRE-FORT
Das hat Retiro dieses Jahr für mich zum coolsten Parkour-Event gemacht:

1- Lernen, lernen, lernen…

Wir übersehen normalerweise verschiedene Aspekte von Parkour, die genauso wichtig sind wie das Springen. Wir sehen Athleten, die Gewichte heben, Bouldern, Klippenspringen und viele andere parallele Aktivitäten, die uns helfen, besser und stärker zu werden. Beim Retiro standen die Details im Vordergrund. Das Wochenende begann mit einer Fuss- und Knöcheltherapie von Patrick Gerken, einem Mitglied der Retiro-Familie, der in chinesischer Medizin promovierte und selbst Parkour praktiziert. Über eine Stunde lang haben wir gelernt, wie wir unsere liebsten Füsse pflegen und stärken, die jeden Tag das ganze Gewicht unseres Körpers tragen, laufen, landen, absorbieren, balancieren, schwingen, treten oder einfach nur stehen.

Es folgte ein Handstandworkshop mit Judith… aus Finnland. Dort lernten wir, wie wir unsere Handgelenke, Ellbogen und Schultern fit und kräftiger halten. Später haben wir Handstände geübt und unsere Technik verbessert.

Von Anfang bis Ende war es ein nie aufhörendes Lernabenteuer. Es folgten ein Brasilianischer Jiu-Jitsu-Workshop, fortgeschrittenes Konditionstraining und ein unglaublicher Bewegungsworkshop unter der Leitung von Origo Movement. Letzteres beinhaltete die QM-Muster der alten Schule, die wir, die Traceure, noch in unser Training einbeziehen, zusammen mit den Neuerungen und Fortschritten des Trainings zur Bewegungskultur, unter Verwendung von Requisiten, Gruppenaktivitäten, rhythmischen Anwendungen und vor allem, dass es alles ein Spielen ist. Es fühlte sich leicht an im Bereich Disziplin und schwer in der Intensität.

Während der Sonnenuntergänge versammelten wir uns in der Location Dojo, um die inspirierenden Worte von Márcio Filipe zu hören wo er über seine mentale Ausbildung und seinen Prozess des Zusammenlebens mit Angst gesprochen hat. Er teilte seine Erfahrungen auf eine tiefe und faszinierende Art und Weise mit und es kam zu einem Videogespräch mit Hendo, bei dem jeder ihm Fragen zu seiner Trainingsmentalität stellen konnte.

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2 – Verbinden, sozial und individuell…

Alles beim Retiro wird als Ganzes ausgeführt. Wir wachen zusammen auf, trainieren zusammen, kochen zusammen, putzen zusammen, lachen, geniessen, beschweren uns und die Liste geht weiter. Während unsere Kultur in den Kult des Images und der sofortigen Befriedigung hineinwächst, überwiegen „Likes, Kommentare“ und die Bildschirmdimension den Verbindungsteil der Community auf einigen Ebenen.

Beim Retiro leben wir als Familie und Gemeinschaft, jeder kennt die Namen aller, jeder ist erreichbar, um sich zu unterhalten, zu lachen oder zusammen zu spielen. Natürlich kommt dies in den meisten Parkour-Jams immer wieder vor. Was das Retiro auszeichnet, ist, dass jeder auf dem gleichen Level ist. Wir alle durchlaufen die gleichen Herausforderungen und Trainingseinheiten, um das Unbekannte zu entlarven und unser Unbehagen zu offenbaren. Beim Retiro zeigen wir alle unsere Schwachstellen und ohne sich zu schämen. Wir sind da, um uns mit unserem eigenen Körper, Geist und unserer Umgebung zu verbinden.

Jeden Tag hatten wir eine andere Art von Achtsamkeitspraxis. Nach dem Origo-Workshop hat uns Zé, einer der Ausbilder, durch eine kurze Meditation geführt. Die Teilnehmer versuchten, sich nach einem so intensiven Bewegungsworkshop zu beruhigen. Am letzten Tag führte uns Alex durch Atem- und Kaltwasserübungen nach der Wim-Hot-Methode. Die Gruppe hat es gemeinsam durchgearbeitet und die daraus resultierenden Schwierigkeiten vor dem letzten Training, diesmal auf der Strasse und einem typischen Parkour Jam Feel, mit grosser Vitalität gemeistert.

Beim Retiro haben wir uns miteinander verbunden, um uns mit unserem Geist und Körper verbinden zu lassen und umgekehrt.

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3 – Die Parkour-Werte zurückbringen…

Als ich mit dem Training anfing, war ich manchmal ein Rebell gegen die Generation, die vor mir und meinen Freunden bestanden hat. Ich übersprang das Konditionstraining nicht und schloss mich den Gruppenaufwärmübungen an. Aber immer mit diesem schmunzelnden Blick, weil ich dachte, ich sei überlegen, nur weil ich ein bisschen mehr Koordination hatte als der durchschnittliche Anfänger. Ich habe nicht darauf geachtet, was gelehrt und mit mir geteilt wurde, aber ich habe es nie missachtet. Heutzutage bin ich diesen Werten zutiefst dankbar. Ich bin der Meinung, dass mich das Erlernen der Philosophie und der Grundlagen von Parkour für diese fast 14-jährige Praxis beschützt hat.

Während des Retiro wird das Motto „Wir fangen zusammen an, wir schliessen zusammen ab“ ernst genommen. Jedes Jahr wird die Familie aufgefordert, gemeinsam eine Gruppenübung zu machen, die nur in der Gruppe absolviert werden kann. Die Herausforderung könnte eine lächerliche Anzahl von Wiederholungen bei aufeinanderfolgenden Präzisionssprüngen oder ein unmenschliches Training sein. In diesem Jahr hatten wir einen ganz besonderen Gast, der mit seiner Geschichte und seinem Lebensgefühl unsere Herzen bewegt hat. Tiago ist ein 36-jähriger Sportpädagoge und Trainer der portugiesischen Olympia-Turnmannschaft, der vor 14 Jahren seine Beweglichkeit vom Hals abwärts verlor, als er sich während einem Flip in der Luft im falschen Moment öffnete.

Heutzutage kämpft er gegen seinen Zustand, lernt kleine grundlegende Aktivitäten neu und gewinnt einige motorische Fähigkeiten zurück. Während der diesjährigen „One“ (Gruppenübung) waren wir gefordert, mit Tiago eine Wanderung auf den Berg zu machen. Das bedeutet, seinen Rollstuhl zu schieben, zu heben und zu tragen und ihn manchmal huckepack bergauf und bergab zu fahren, durch Felsen, Büsche und grobe Wanderungen. Wir haben es mit der richtigen Kommunikation und Teamarbeit leicht gemacht. Als wir oben ankamen, befanden wir uns an einem kleinen See, wo wir schwimmen und uns erfrischen konnten und von Tiagos Willenskraft verzaubert waren, als er alleine schwimmen ging. Ich werde diesen Tag nie vergessen.

Darüber hinaus trainieren wir unseren Körper und Geist, um stark zu bleiben und ihn für unser Training und unseren Alltag zu nutzen. Respektiere die Umwelt, das heisst, unter anderem wird während des Retiro wird nur veganes Essen serviert. Sei stark, bleib stark.

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4 – Tauche tief in deinen Geist ein…

Während Retiro ist Kommunikation eines der gegenwärtigsten Elemente. Wir reden. Viel. Der normale Ton ist lustig und leicht, aber wir gehen tief in wichtige Gespräche ein. Wie bereits erwähnt, hielt Márcio Filipe am ersten Tag eine Rede über seine Erfahrungen mit der Überwindung der Angst. Zum zweiten Mal hatte ich die Gelegenheit, mich zu besinnen und einige meiner Gedanken auszutauschen. Ich wählte für diesen Vortrag das Thema „Langlebigkeit“. Es ist super gelaufen! Nach den Reden haben wir Fragen & Antworten und ein offenes Gespräch. Immer herrlich und voller verschiedener Meinungen.

Der tiefste Tauchgang während dem Retiro waren für mich die Headspace-Momente. Wir hatten Gruppenmeditation, Wim How Methode und Yoga. Vor allem aber sind wir mitten im Nirgendwo, schlafen in Zelten und die Stille ist Gold. Ich habe so viel Zeit gebraucht, um zu meditieren und mich mit meinem eigenen Verstand wohl zu fühlen. Seelenfrieden ist ein unterschätztes Konzept in unserem gegenwärtigen, schnelllebigen Leben. Retiro hat mir die Chance gegeben, Frieden zu geniessen. In der Gemeinschaft.

Zum Schluss möchte ich der Retiro-Familie DANKE sagen: Alex, Patrick und Guita, für ihre harte Arbeit, die unglaublich geschätzt wird. Vielen Dank an alle Teilnehmer für das liebevolle und unterhaltsame Wochenende. Vielen Dank an ETRE-FORT für die Unterstützung der Veranstaltungen und natürlich. Danke Parkour, du machst mich glücklich.

Train Hard, Take care.

FPK Montpellier and Retiro Parkour

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Dies waren die “Parkour Insights”  über das FPK in Montpellier und dem Retiro Parkour & Movimento. Wenn du mehr wissen möchtest, findest du hier weitere Einblicke.